LYCOPIN & GESUNDHEIT
Freitag, 23. Februar 2018

Lycopin und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Böhm, V.
Institut für Ernährungswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dornburger Str. 25-29, 07743 Jena, Germany
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Zahlreiche Studien mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen [1, 2] belegen, dass Rauchen und zu hohe Cholesteringehalte im Blut die beiden wesentlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Rauchen erhöht demnach das Erkrankungsrisiko für Atherosklerose um 50 % und für koronare Herzkranzerkrankungen um über 200 %. Darüber hinaus liegen fundierte Hinweise auf einen direkten Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkankungen und erhöhten LDL-Cholesterinwerten im Serum vor. In der Wissenschaft herrscht Übereinstimmung, dass Atherosklerose durch einen Zustand von erhöhtem oxidativem Stress gekennzeichnet ist, der durch Lipid- und Proteinoxidation in der Zellwand charakterisiert wird. Als ein erster Schritt zur Entstehung von Atherosklerose wird die Oxidation von ungesättigten LDL-Partikeln [3, 4] angesehen. LDL-Partikel im Menschen sind von Natur aus heterogen, wobei die kleineren und dichteren Partikel leichter oxidieren.  Über die Gehalte dieser Partikel an Antioxidantien wird vielfach kontrovers diskutiert, wobei Carotinoiden - hauptsächlich Lycopin - eine protektive Wirkung zugeschrieben wird. Neben der LDL-Oxidation sind andere oxidative Geschehen an Gefäßerkrankungen beteiligt. Dazu gehören die Bildung von reaktiven Sauerstoff- und Stickstoff-Verbindungen durch die Gefäßzellen ebenso wie oxidative Veränderungen, die zu bedeutsamen klinischen Manifestationen von für koronare Herzkranzerkrankungen führen, z. B. endotheliale Dysfunktion und Aufbrechen von Plaques. Welchen Beitrag Antioxidantien zur Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen leisten können, ist bis zu einem gewissen Grad bereits erforscht; nur wenige Daten sind jedoch über die spezielle Wirkung von Lycopin oder Tomatenprodukten verfügbar [5-10].

Die Ernährung spielt vermutlich eine große Rolle bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Lebensmitteln, die oxidierbare Lipide und Eisenkatalysatoren für die Bildung von Peroxiden (wie (Met)myoglobin aus Muskelmasse) enthalten, kann die Verdauung in großem Maße von der Bildung toxischer Fettsäurehydroperoxide begleitet sein, die an der Entstehung von Atheroskleore beteiligt sind. Großes Interesse, auch in der Forschung, richtet sich auf mögliche Wege, die mit einer Ernährungsumstellung zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen können. Epidemiologische Studien sowie einige in-vitro- und wenige in-vivo-Untersuchungen unterstützen die Hypothese, dass Carotinoide, einschließlich β-Carotin und Lycopin, die Lipoproteine und Gefäßzellen vor Oxidation schützen können. Speziell Lycopin ist als wirksamer Fänger von reaktiven Sauerstoffverbindungen, insbesondere Singulett-Sauerstoff- (1O2) und weiterer angeregter Verbindungen, bekannt [11, 12]. Lycopin verringerte auch die Menge an oxidativen DNA-Schäden in Zellkulturen und in Ratten in vivo [13, 14]. Darüber hinaus haben klinische Studien gezeigt, dass eine Lycopin-reiche Ernährung vor oxidativen DNA-Schäden in menschlichen Leukozyten in vitro [15] sowie Prostatagewebe in vivo schützt [16]. Verschiedene Ergebnisse lassen vermuten, dass die Redox-Eigenschaften von Carotinoid-Molekülen das Zellwachstum stark beeinflussen können, denn sie haben Auswirkungen auf die molekularen Mechanismen, die mit der Proliferation und Apoptose von Gefäßzellen zusammenhängen. Ebenso stützte eine Reihe von Tier- und Zellkultur-Studien die Rolle von Lycopin beim Zellwachstum. Insgesamt deuten diese diese Ergebnisse darauf hin, dass Lycopin das Wachstum der glatten Muskelzellen im Atherom beeinflussen kann.

Neben dem positiven Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden Carotinoide in neueren Untersuchungen auch als wirkungsvolle Antioxidantien angesehen, die die Entstehung von degenerativen Erkrankungen wie Krebs, Katarakt etc. verhindern. Die Aufnahme von β-Carotin ist umgekehrt proportionl verknüpft mit der Entstehung von Lungenkrebs. Ähnliche Zusammenhänge bestehen zwischen Lutein und Makula-Erkrankungen sowie zwischen Lycopin bzw. Tomatenprodukten und Prostatakrebs [17-19]. Obwohl Lycopin, verglichen mit anderen Carotinoiden, der stärkste Fänger von Singulett-Sauerstoff und ein wirksames Antioxidanz ist, wurde es bisher nur selten auf seine Rolle in der Vorbeugung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen erforscht. Einige Artikel [20-22] berichten zwar über eine inverse Korrelation zwischen der Entstehung von degenerativen Erkrankungen und der Aufnahme von Obst und Gemüse anstatt von Korrelationen mit einzelnen Inhaltsstoffe dieser Lebensmittel, aber insgesamt liegen kaum wissenschaftliche Beweise vor für die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Nahrungsmittelbestandteilen bezüglich ihrer vorbeugenden Eigenschaften. Wichtige Aspekte der Bioverfügbarkeit von Lycopin sowie der molekularen Mechanismen seiner protektiven Wirkung sind noch nicht vollständig erforscht.

Lycopin kommt hauptsächlich in Tomaten vor, dem (nach Kartoffeln) am meisten verwendeten Gemüse in Europa, und in noch höheren Konzentrationen in verarbeiteten Tomatenprodukten wie Ketchup, Tomatensoße/-saft und in roten Früchten wie Wassermelonen und Guaven. Die größte Lycopinquelle in der Ernährung in Europa und den Vereinigten Staaten sind demzufolge hauptsächlich verarbeitete Tomatenprodukte. Tomaten und Tomatenproduke werden schon seit Jahren auf ihre gesundheitsfördernde Wirkung untersucht. Die wissenschaftlichen Hintergründe für die positiven Effekte sind jedoch nicht nicht vollständig geklärt. Neben Lycopin, das nun seit mehr als einem Jahrzehnt erforscht wird, enthalten Tomaten andere positive Inhaltsstoffe wie andere Carotinoide, Ascorbinsäure, Tocopherole, Folate, Polyphenole usw., deren Wechselwirkungen mit Lycopin noch nicht im Einzelnen betrachtet wurden. Tomaten werden zwar nicht als wichtige Folatquelle in der Ernährung angesehen, aber durch ihre Verzehrshäufigkeit könnte der Beitrag von Tomaten zur Gesamtaufnahme von Folaten durchaus relevant sein. Eine unzureichende Folataufnahme aus der Nahrung wird mit einem Anstieg des Homocystein-Spiegels im Humanplasma in Verbindung gebracht, der wiederum als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt. 

Dieser kurze Überblick zeigt, dass es neben einer Fülle von Informationen über die Entwicklung von Herz¬-Kreislauf-¬Erkrankungen auch begründete Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Nahrungsmittel – zum Beispiel Tomaten – gesund sind. Diese beiden Aspekte sind jedoch noch nicht ausreichend verknüpft, da die Forschung bisher nicht die gesamte Nahrungskette betrachtet hat. Die fehlende Verbindung in der Kette ist die Entwicklung von neuen gesunden Lebensmitteln und von Ernährungsrichtlinien, die die beiden Endglieder der Kette zusammenbringen.


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Referenzen

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